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Erläuterung

Der Begriff Dissoziation beschreibt in der Psychologie die Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten, welche normalerweise assoziiert sind. Hierdurch kann die integrative Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Identität beeinträchtigt werden.

Beispiele für dissoziative Alltagsphänomene

  • Ein Marathonläufer blendet in einer Art von Trance seine Schmerzen aus
  • Ein Computerspieler ist während des Spiels so tief versunken, dass er zeitweilig das Gefühl für die verstrichene Zeit verliert
  • Ein Student erleidet während einer langweiligen Vorlesung eine kurze Erinnerungslücke, weil er seine Aufmerksamkeit nicht fokussiert

Beispiele für dissoziative Störungen

  • Bei einem Trauma Opfer wechselt die Erinnerungsfähigkeit an das traumatische Erlebnis ungewöhnlich stark.
  • Ein Mensch hat noch während eines traumatischen Ereignisses das Gefühl, sich in eine agierende"" und "beobachtende" Person zu spalten
  • Ein Vergewaltigungsopfer hat noch nach Jahren psychogene Schmerzen im Unterleib, obwohl das auslösende Ereignis aufgrund einer traumatisch bedingten Amnesie nicht erinnerbar ist

Diagnostik

Die durch Dissoziation hervorgerufenen Phänomene und Symptome weisen eine enorme Spannbreite auf. Während einige Betroffene eine Beeinträchtigung insbesondere des autobiografischen Gedächtnisses oder des Identitätserlebens oder der Wahrnehmung beschreiben, führt die Dissoziation bei anderen Betroffenen zu Bewegungsstörungen, Schmerzstörungen oder Krampfanfällen. Dabei können die beobachtbaren Symptome denen von neurologischen Erkrankungen (epileptischen Anfällen, Demenz usw.) ähneln. Es besteht folglich Verwechslungsgefahr, denn als innerpsychischer Vorgang ist die Dissoziation keiner direkten Beobachtung zugänglich. Dass Symptome auf Dissoziation zurückzuführen sind, muss deswegen durch Ausschluss anderer Erklärungsmöglichkeiten (z.B. neurologische Erkrankung) und anhand der Typizität der Symptome sowie der Autobiografie des Betroffenen rückerschlossen werden.

Begriffsabgrenzungen

Im medizinischen Nomenklatursystem DSM wird der Begriff der Dissoziation beschrieben als "eine Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnis, der Identität oder der Wahrnehmung." Im ICD-10 wird das Dissoziationskonzept auch auf neurophysiologische Systeme der Motorik, der Sensibilität und der Sensorik ausgeweitet. Da sowohl den dissoziativen Störungen, wie auch den Konversionsstörungen sowie den Sonatenformen Störungen komplexe Konzepte zugrunde liegen, sind diese Begriffe nur schwer gegeneinander abgrenzbar und werden zur Zeit noch je nach Nomenklatur System in unterschiedliche Störungsgruppen eingeteilt und zusammengefasst. Beispielsweise wird im ICD-10 nicht zwischen dissoziativen Störungen und Konversionsstörungen unterschieden. Trotzdem werden in der Literatur diese Begriffe häufig weiterhin unterschiedlich verwendet. Von Konversion wird in der Literatur eher dann gesprochen, wenn ein Konflikte wie z.B. ein belastendes Ereignis oder ein belastender Beziehungskonflikt unbewusst in ein körperliches Symptom konvertiert, welches neurologische Symptome zu imitieren scheint. Diese Symptome können als symbolische Lösung des Unbewussten Konfliktes verstanden werden, welche Angst reduzieren soll, indem der eigentliche Konflikt außerhalb des Bewusstseins gehalten wird. Von Dissoziation wird in der Literatur oft dann gesprochen, wenn ein nichtintentionaler und autoregulativer Verarbeitungsmechanismus des belastenden Ereignisses stattfindet. Von Sonatenformen Störungen wird allgemein vor allem dann gesprochen, wenn sich äußere psychische Belastungen in körperlich spürbare Belastungen umwandeln. Eine Festlegung in Bezug auf die symptomverursachenden innerpsychischen Prozesse wird bei diesem Begriff nicht getroffen. Abzugrenzen ist der Begriff der Dissoziation von dem Begriff der Verdrängung, welcher auf ein Modell Freuds zurückgeht. Während beim Konzept der Verdrängung ein nicht bewältig bar scheinender Konflikt ständig verdrängt gehalten wird, wird beim Modell der Dissoziation davon ausgegangen, dass manche Erlebnisse gar nicht erst auf bewusster Ebene erscheinen.

Dissoziation im ICD-10

Dissoziation im psychiatrischen und/oder psychotherapeutischen Sinne kann als ein Defekt der mentalen Integration verstanden werden, bei der eine oder mehrere Bereiche mentaler Prozesse vom Bewusstsein getrennt werden und unabhängig voneinander ablaufen (Abspaltung von Bewusstsein). Demgegenüber umfasst Konversion somatische, also sensorische und motorische Phänomene.

Dagegen werden in der ICD 10-Klassifizierung die Begriffe dissoziative Störung und Konversionsstörung synonym verwendet. Das allgemeine Kennzeichen der dissoziativen oder Konversionsstörungen besteht danach in teilweisem oder völligem Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der Wahrnehmung unmittelbarer Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen.

Bei Dissoziationen handelt es sich um eine vielgestaltige Störung, bei der es zu einem teilweisen oder völligen Verlust von psychischen Funktionen wie des Erinnerungsvermögens, eigener Gefühle oder Empfindungen (Schmerz, Angst, Hunger, Durst, …), der Wahrnehmung der eigenen Person und/oder der Umgebung sowie der Kontrolle von Körperbewegungen kommt. Der Verlust dieser Fähigkeiten kann von Stunde zu Stunde unterschiedlich ausgeprägt sein.

Geschichte

Das Dissoziationsmodell hat sich im 19. Jahrhundert aus der Assoziationspsychologie entwickelt und wurde anfangs zur Interpretation von Hysterie, Vorgängen bei Hypnose und von Beobachtungen von Verdoppelungen oder Vervielfachungen von Persönlichkeiten angewandt. Theorien um 1880 betrachteten vor allem das Trauma als Auslöser von Dissoziationen. So beschrieb Pierre Janet 1889 Amnesien und Identitätsstörungen als seelische Krankheiten infolge eines Traumas. Nachdem es zwischen 1920 und 1970 deutlich weniger aktuell war, fand das Dissoziationsmodell ab 1970 wieder Beachtung. Dissoziation bedeutet eine Unterbrechung des Stroms des Bewusstseins, die Abspaltung von Gefühlen, Körperwahrnehmung und Emotionen, der Erinnerung, der Identität und der Wahrnehmung der Umwelt.

Nach neueren Forschungen (um 2006) werden die Psychosomatische Störung und Konversionsstörung dem Oberbegriff Somatoforme Dissoziation zugeführt und (in Abgrenzung zur psychoformen Dissoziation) den dissoziativen Störungen zugeordnet. Niehuis, Hart und Steele vertreten das durch neurobiologische Befunde unterstützte Konzept der Strukturellen Dissoziation. Hiernach werden bei sehr schweren und kontinuierlichen Psychotraumatisierungen, insbesondere in der Kindheit, die symptomatischen Empfindungs- und Verhaltensmuster dauerhaft unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen (ego states) zugeordnet. Die Autoren vertreten die Hypothese, dass die entsprechenden Verhaltensweisen, Empfindungen und Einschätzungen auch im späteren Leben, unabhängig von traumatisierenden Situationen, kaum vermieden werden könnten.

Patienten mit dissoziativen Störungen leiden oftmals unter chronischen Körpersymptomen, welche der Behandler als Dissoziationen seines Patienten verstehen sollte sowie als Zeichen der Desintegration der Gesamtpersönlichkeit. Die Symptome sind hier das Ergebnis einer instinktiven Überlebensreaktion des Menschen, ähnlich der von Tieren, und erzeugen Erregungs- oder Betäubungszustände. Die Betrachtung der Endorphin-Neurotransmitter auf biochemischer Ebene zeigt ein neuartiges Verständnis der Dissoziation auf der Verhaltensebene.

Dissoziative Störungen im medizinischen Nomenklatur System ICD-10

Im ICD-10 werden unterschiedliche dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) beschrieben. Gemeinsames Merkmal ist, dass keine körperliche Krankheit nachgewiesen werden kann, welche die Symptome erklärt, und dass es einen zeitlichen Zusammenhang der Symptome mit belastenden Ereignissen, Problemen oder Bedürfnissen gibt.

Dissoziative Amnesie

Bei der dissoziativen Amnesie (F44.0) fehlen der betreffenden Person ganz oder teilweise Erinnerungen an ihre Vergangenheit, v.a. an belastende oder traumatische Ereignisse. Die Amnesie geht weit über das Maß der normalen Vergesslichkeit hinaus, d.h. dauert länger an oder ist stärker ausgeprägt. Das Ausmaß der Amnesie kann jedoch im Verlauf schwanken.

Dissoziative Fuge

Unter einer dissoziativen Fuge (F44.1) (auch psychogene Fuge) wird das unerwartete Weggehen von der gewohnten Umgebung (Zuhause, Arbeitsplatz) verstanden. Die Reise ist äußerlich normal organisiert, die Selbstversorgung bleibt weitgehend erhalten. Es besteht eine teilweise oder vollständige Amnesie für die gesamte Vergangenheit oder Teile davon (besonders für traumatische Ereignisse). Nach DSM-IV wird als zusätzliches Kriterium eine Verwirrung über die eigene Identität oder die Annahme einer neuen Identität gefordert. Letzteres ist jedoch selten der Fall. Wenn doch, dann ist die neue Identität meist durch mehr Geselligkeit und weniger Zurückhaltung gekennzeichnet. Die Dauer kann einige Stunden bis hin zu mehreren Monaten betragen.

Dissoziativer Stupor

Beim dissoziativen Stupor (F44.2) sind willkürliche Bewegungen, Sprache sowie die normale Reaktion auf Licht, Geräusche und Berührung vermindert oder fehlen ganz. Die normale Muskelspannung, aufrechte Körperhaltung und Atmung sind jedoch erhalten, die Koordination der Augenbewegungen ist häufig eingeschränkt.

Trance und Besessenheitszustände

Trance und Besessenheitszustände werden im ICD-10 unter F44.3 kodiert.

  • Bei einer Trance handelt es sich um eine vorübergehende Bewusstseinsveränderung mit dem Verlust des Gefühls der persönlichen Identität, einer Einengung des Bewusstseins auf die unmittelbare Umgebung oder bestimmte Umgebungsreize. Bewegungen, Haltungen und Gesprochenes beschränken sich auf die Wiederholung immer derselben wenigen Dinge oder Handlungen.
  • Bei einem Besessenheitszustand sind die Betroffenen überzeugt, von einem Geist, einer Macht, einer Gottheit oder einer anderen Person beherrscht zu werden.